Montag, 6. April 2009

Kinderkram mit Zuckerkuss


Früher, als ich noch kleiner war und ich wild durch die Baumwipfel kletterte, auf ihnen ehrgeizig und mit Schwielen an den Händen aus altem morschen Holz kleine Häuschen baute, mit einem Funkeln in den Augen nach saftig roten Äpfeln griff während mir eine sanfte Briese der naiv kindlichen Freiheit durchs Haar wehte, glaubte ich, dass ich unverletzlich sei. Wie ich mich gekonnt von Ast zu Ast hangelte und jede ihrer Gabelungen kannte, so dachte ich auch, ich würde das Leben kennen. Ich glaubte nicht, dass ich jemals raus fallen würde aus meiner kleinen heilen Welt. Ich wohnte in meinem Baumhaus und lebte in einer Welt in der die Träume dazu da waren, einen zum lachen, nicht zum weinen zu bringen.

Ich glaubte nicht an den Absturz, nicht an den freien Fall. Viel mehr glaubte ich an den Tag, an dem ich hinter dem Haus meiner Eltern, mit einer selbstgebauten Rakete Richtung Mond fliegen und mich der Schwerelosigkeit unendlich hingeben würde. Ich war ein Gigant der keine Schmerzen kannte – bis zu dem Tag, an dem ich die Liebe entdeckte. Ich suchte sie nicht, sie fand mich. Und hätte ich verdammt noch mal gewusst, als was für ein fieser Freund sie sich entpuppt, so hätte ich mich damals besser vor ihr versteckt. Ich wäre zur Not mit meinem Kettcar bis ans Ende der Welt gefahren, nur um so später das Gefühl besitzen zu dürfen, alles gegeben zu haben. Doch ich tat es nicht. Ich tat nichts.

An diesem Tag, an dem die Liebe mich fand änderte sich alles. Mein ganzes Leben drehte sich um hundertachtzig Grad. Da wo einst der Himmel war, standen fortan meine Füße und der Kopf baumelte traurig hinunter in Richtung Boden. Auf einmal war er da, dieser seelische Schmerz und ich musste qualvoll feststellen, dass er eintausend Mal mehr wehtut, als der körperliche. Zuvor war das Leben so federleicht wie zuckersüß und nun auf einmal war sie da, die Qual nicht mehr schlucken zu können oder atmen zu wollen.

Was folgte, waren auf der einen Seite eine Hand voll Augenblicke, die mir die Chance gaben mich in purer Schönheit zu sonnen, in denen ich nicht nur mit dem Mund, nein sondern mit meinem ganzen Herzen lachen und singen konnte. Da warne Augenblicke in denen ich mich fühlte, wie damals, als ich auf dem allerhöchsten Ast balancierte, hinunterblickte auf die Nachbargärten und mit einem fetten Grinsen feststellte, das ich der allergrößte war.

Doch auf der anderen Seite liegt ein Rucksack, welcher so übervoll an Erinnerungen an Tage voller Einsamkeit und Leere ist, dass sich der Reisverschluss schon lange nicht mehr zu machen lässt. Erinnerungen an Tage, welche so schwarz waren, dass man sich fragte ob das Leben zum leben ungeeignet sei, wenn man sich ständig nur verrennt. Es waren Tage, an denen ich flehte zurückgehen zu dürfen - an den Tag, an dem sich mein Leben änderte. Ich möchte wieder toben können, sich groß fühlen auch wenn man nur kleine Dinge tut, ich will wieder Hütten im Wald bauen, mit Freunden munter um die Wette springen, mit Kreide eigenartige Gestalten auf die Straße malen, ich will wieder freudig durchs Gestrüpp hopsen und durchs Maisfeld rennen, ich will an kalten Wintertagen mit roten Backen Schneemänner bauen, Eiszapfen lutschen und Engel in den Schnee drücken, ich will mit meinem Holzschlitten über verschneite Schneehänge sausen und mich abends auf Mutters Schoß mit eine heißen Schokolade wieder aufwärmen, ich will das Schuhbinden verlernen um es verzweifelt und mit Knoten auf den Fingern wiedererlernen, ich möchte wieder über feuchte Wiesen tanzen und dabei Grashüpfer fangen, ich will wieder Micky Mouse Hefte kaufen um das Extra zu besitzen, ich möchte wieder Kindergeburtstage feiern und dabei Topfschlagen und Blindekuh spielen, ich will wieder die alten Kindersendungen schauen die mir so sehr am Herzen lagen, ich möchte wieder durch die Nachbarschaft ziehen, dabei Lieder singen und Blumen verkaufen um mir so Süßes am Kiosk kaufen zu können, ich will wieder Klingelstreiche machen und heimlich durch Nachbars Garten huschen, ich möchte wieder leben können, richtig leben, leben ohne diesen Druck dazu zugehören, sich anzupassen und ihr zu gefallen, leben ohne die Scheiß Angst nur ein Versager zu sein. Ich möchte wieder ein Kind sein und heimlich den Zuckerguss vom Kuchen schlecken.



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