Ich lief diesen verflucht langen, dunklen Gang entlang. Meine Schuhe klebten am Boden. Es war schwer sie bei jedem Schritt erneut vom Boden zu lösen. Die einst weißen Schnürsenkel waren von einem schmuddeligen und dreckigen Braunton eingefärbt.
Ich lief an Leuten vorbei, die mich mit ihrem besoffenen Lächeln zu erschlagen versuchten. Sie stanken erbärmlich nach Alkohol und Schweiß. Jeder noch so kleine verdammte Schluck Hochprozentiges, war bis auf den kleinsten Milliliter in ihre fahlen Gesichter gekritzelt.
Es floss genug heute Nacht. Genug um mir im Weg zu stehen und es nicht mal zu bemerken. Ich nahm es ihnen nicht übel. Ich wollte nur noch nach draußen und Luft atmen. Richtige Luft, nicht diese ekelerregende dünne und verdammte Luft, die mir beim Tanzen klebrige Schweißperlen auf die Stirn gejagt hatte.
Der Abend war gut. Nicht besonders gut, aber er war gut und das reichte mir aus, um mit einem einigermaßen zufriedenem Lächeln aus dem Club zu marschieren.
Als ich draußen war und mir meine verrauchte Jacke zuknöpft hatte, kämpften die Schweißtropfen auf meiner Stirn gegen das Gefrieren. Es war kalt. Mehr als nur kalt. Höllisch kalt. Doch ich spürte noch nicht viel von dieser verdammten Kälte. Meine persönliche Betriebstemperatur glich noch immer der, der Tanzfläche.
Ich wartete auf meine Freunde, die noch an der Schlange zur Gaderobe anstanden.
Ich wartete, schloss meine Augen und hörte einen lauten Biepton in meinem rechten Ohr.
Biiiiiiiieeeep, machte es.
Dieser verdammte Biepton war jetzt also das, was von der Musik übrig geblieben war, dachte ich mir. Das war nicht sonderlich viel. Es war hässlich wenig um genau zu sein. Ich hätte damals verflucht viel geben um anstatt diesen grässlichen Biepton, den Beat der Musik in meinen Ohren spüren zu dürfen.
Ein Mädchen kam an meine rechte Seite. Sie lallte irgendetwas Unverständliches zu mir. Ich konnte sie beim besten Willen nicht verstehen. Nach einem äußerst netten „Was?“ meinerseits, wiederholte sie sich freundlich aber wieder lallend. Doch man sah ihr dieses mal deutlich an, dass sie sich Mühe gab wenigstens ein bisschen klarer und verständlicher zu lallen. Ich verstand drei ihrer geschätzten zwanzig Wörter.
– „mag“, „deine“, „Bommelmütze“.
Sie lachte als sie merkte, dass ich lachte.
Ihr Lachen war wunderschön und zauberte mir ein schier unendliches Sternenfunkeln in die Augen. Ich griff unweigerlich Richtung Bommel und setzte die schwarze und grob gestrickte Mütze sanft auf ihren zerbrechlich wirkenden kleinen Kopf. Sie lachte nun noch prächtiger und gar noch viel schöner als zuvor.
Oh Gott, ihr hättet sie sehen sollen wie sie dastand, wir sie lachte und wie dieser verfluchte Bommel von ihrem Kopf abstand. Ja, ihr hättet sie sehen sollen. Das Lachen vor allem! Ihr hättet heulen müssen!
Wir redeten über die Dinge, über die man in so einer Situation nun mal so redet. Manchmal konnte ich sie verstehen, manchmal nur mit viel Phantasie.
Doch ich mochte sie.
Ich mochte ihr verdammtes Lachen.
Nach ein paar Minuten kam irgend so ein verfluchter Idiot daher gelaufen. Er stank fürchterlich nach Alkohol und Gras. Er hatte eine breite Stirn, die mit einer glänzenden Schicht aus Schweiß und Gel belegt war. Er hatte weiße Schuhe, die irgendwie nicht zu seiner Hose passen wollte. Er sah scheiße aus.
- „Willst n Zug? Frisch gedreht.“
Es war sicherlich schwachsinnig sich darüber Gedanken gemacht zu haben, weil es mir eigentlich egal war, doch ich hoffte innerlich, dass sie das Angebot ablehnen würde und bei mir bleiben würde.
Doch sie sagte: „ja“ und lachte – nicht ansatzweiße so schön wie sie es bei mir tat. Aber verdammt, sie lachte und drehte mir folglich ihren Rücken zu.
Einen Augenblick später sah ich, wie dieser verfluchte Idiot seine schmierige Hand auf ihren Arsch legte. Ich drehte mich angewidert um und schaute weg. Einfach nur weg. Ich hätte so verdammt gerne noch weiter mit ihr gelacht und gelallt.
Ich war deprimiert.
Warum schaffte es so einer stinkender Idiot, nur mit seinem verdammten Joint ein Mädchen zu beeindrucken? Nicht das ich sie auch wollte. Nein, es geht mir nur um das verdammte Prinzip. Das ist es was mich traurig machte. Dieses verfluchte Prinzip!
Ich schaute auf die glatten Straßen, in denen sich die Lichter der Stadt herrlich grell spiegelten.
Ich stellte mir vor, wie ich zu einem tollen Mädchen hinginge. Links und rechts von ihr standen zwei dieser Idioten. Es war nicht zu übersehen, dass beide heute Nacht das gleiche mit dem Mädchen vorhatten. Doch diese verdammten Idioten hatten heute Nacht nicht mit mir gerechnet. Verdutzt schauten sie mich an, als ich das Mädchen fragte, ob sie ein Zug Musik wolle. Sie nickte mit einem wundervollen Lächeln und die beiden Idioten gingen gegen mich schon in Runde Eins blutend K.O.
Ich reichte dem tollen Mädchen einen der beiden Kopfhörer und ließ den besten Stoff den ich besaß laufen:
– „Weaver at the Loom - Without fear of their Return“.
Das beste Gras gegen den schönsten Song der Welt, sozusagen.
Wir setzten uns auf eine Bank. Sie war verschneit, doch wir wussten beide ganz genau, dass uns heute Nacht nicht mehr kalt werden würde.
Sie hatte den linken Kopfhörer und ich den rechten. Wir starrten beide still und vertieft ins Leere der Nacht und lauschten den Klängen der Musik. Wir gaben uns der Musik völlig hin. Wir saßen einfach nur da und hörten dem Beat dabei zu, wir er Purzelbäume schlug.
Ich hatte alles in meiner Hand. Ich mischte die verfluchten Karten. Ich war der DJ der Nacht und lies ein weiteres großartiges Stück Musik laufen.
- „Lydia – Slepp well“
Ab und zu drehten wir unsere Köpfe und manchmal streiften sich uns unsere Blicke für einen kurzen Augenblick dabei. Dann sah ich auf ihren Wangen ein zufriedenes Lächeln und das machte mich überglücklich.
Meine Freunde rempelten mich an und rissen mich so ohne Gnade aus meinem Traum.
Ich war deprimiert.
Wir liefen die Straße entlang – sie vor mir, ich hinter ihnen. Die Müdigkeit stand mir nicht nur ins Gesicht geschrieben, nein sie wirkte sich auch auf meine Schnelligkeit des Gehens aus. Ich wurde immer langsamer. Ich schlich förmlich über die glatten und hell erleuchteten Pflastersteine. Doch dann auf einmal tauchtest Du etwa 20 Meter vor mir auf. Es war zwar dunkel und ich erkannte nur einen Rücken, doch trotzdem wusste ich sofort, dass Du es warst. Auf einmal schlich ich nicht mehr, nein ich wurde immer schneller und überholte sogar schon nach wenigen Sekunden, voller Vorfreunde Dich sehen zu dürfen, meine Freunde. So schnell wurde ich!
Als ich etwa 10 Meter hinter Dir lief, blieb ich erschrocken stehen. Ich atmete nicht mehr und mein Blinzeln hörte schlagartig auf. Mein Blick war eingefroren. Fest fixiert auf Deine linke Hand. Neben Dir lief ein Junge und du hattest Deine Hand in seiner. Du hieltst mit ihm Händchen und ich hörte Dich froh lachen.
In meinem Kopf drehten sich nun die Räder schier endlos in die entgegengesetzte Richtung. Sie behinderten sich alle gegenseitig. Ich konnte nicht mehr klar denken. Ich wusste nichts mehr.
Dort oben in meinem Kopf trug die Eifersucht gegen die Freude einen verbitterten Kampf aus und an der verfluchten Front, da stand ich.
Für einen Augenblick gewann die Freunde und ich lief wieder schneller. Ich wollte dir freudig und mit einem extra großen Grinsen auf deine Schulter tippen. Ich wollte dein Lächeln sehen. Ich wollte ein Lächeln sehen, dass noch tausendmal schöner war als das schon schier unendlich schön, welches das Mädchen, das ich vor ein paar Minuten traf auf den Lippen trug. Ich wollte einfach nur sehen wie du aussiehst wenn du glücklich bist. Verdammt ich wollte doch nicht mehr! Dich glücklich zu sehen - das war alles!
Doch mir lief einsam eine Träne die Wange hinunter. Es war die verdammte Eifersucht die meine Augen rot färbten. Es war der Neid der dafür sorgte, dass die Träne immer schneller wurde und doch lief alles wie in Zeitraffer ab. Ich sah wie die Träne von meinem Kinn runter sprang und langsam richtig Boden flog. Sie flog und flog. Sie brauchte ein halbe Ewigkeit bis sie auf den kalten Pflastersteinen aufschlug und sofort gefror. Doch die Träne verschwand nicht. Sie war immer noch da.
Ich wollte nicht davon laufen. Ich fühlte mich nur so verdammt leer.
Mein Herz tat weh.
Ich war deprimiert.
Meine Freunde schoben mich wortlos Richtung Bus. Es waren nur noch ein paar Meter doch sie fühlten sich an wie Kilometer. Der verfluchte Weg war unendlich und meine Beine schwer wie Zement. Sie klebten nicht mehr nur am Boden, nein sie waren wie festgenagelt. Sie wollten nicht mehr weiter – sie weigerten sich und das spürte ich überdeutlich. Sie wollten einfach wurzeln schlagen und gefrieren. Hier und jetzt. Sie meinten es nur gut mit mir, das wusste ich. Sie wollten, dass ich Dir nicht mehr hinterher laufe, doch sie konnten mein Kopf und schon gar nicht mein Herz von dieser Absicht überzeugen. Ich lief einfach weiter.
Der Blick war immer fest auf Dich und ihn fixiert. Ich dachte nicht, was er hatte was ich nicht hatte. Ich wusste es.
Als ich es zum Bus geschafft hatte, standest Du auf der anderen Straßenseite. Du hieltst weder Händchen, noch hattest Du ein Junge an deiner Seite.
Ich war glücklich, dass ich dich verwechselt hatte. Glücklich auf eine Art und Weiße die mich kaputt machte.
Das ich dir all das nicht zu gönnen vermochte, zerfetzte mein Herz.
Ich war deprimiert.
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