Freitag, 23. Januar 2009

II. Das Ende vom Anfang des Endes


Das warten auf den Augenblick. Ich redete irgendetwas. Es hatte keine große Bedeutung. Irgendetwas. Hauptsache reden, denn heimlich habe ich nur auf diesen einen Augenblick gewartet. Es schien so, als würden die Minuten wie Stunden vergehen. Die Luft knisterte und ich wusste bald würde es so weit sein. Ich versuchte so viel wie es nur ging zu reden nur um so das Warten irgendwie erträglicher zu gestalten. Ich wartete und ich wusste, du hast ebenfalls gewartete. Vor mir ein Fluss mit vereinzelten Eisschollen darauf. Ich fühlte mic
h, als würde ich auf einer dieser treiben und neben mir du. Wir redet
en aber wir taten nichts. Wir ließen uns einfach nur treiben und hofften, wir würden bald ankommen. Es war grau, es war kalt – höllisch kalt. Die Bäume waren kahl und unter ihnen stapelte sich das Laub. Braun aber grau.


Ein hässlicher Tag wäre es gewesen, wenn du nicht neben mir auf der Bank gesessen wärst. Du hast geredete. Ich habe geredet. Wir warteten gemeinsam auf diesen einen Augenblick. Wir liefen einen Pfad entlang. Ich spürte den Schotter unter meinen Füßen und deine Hand in meiner. Wir hielten Händchen und liefen den Fluss entlang. Geradeaus. Es wurde immer kälter. Doch deine Hand wärmte mein Herz. Auf einer Brücke blieben wir stehen. Mir war warm und doch zitterte ich mit meinen Zähnen. Es war zu warm. Du sch
autest in mein Gesicht. Ich in deins. Ein paar Sekunden. Zwischen uns lag etwas Großes und es war unheimlich – für mich. Dann zählte ich heimlich in meinem Kopf bis drei. Auf drei war die Angst weg. Einfach weg. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sprach die drei großen Worte mit einer zitternden und erbärmlichern Stimme aus. Du hast die Worte erwidert und kamst mit deinem Gesicht meinem näher. Immer näher. Ich tat das gleiche. Und plötzlich berührten sich unsere Lippen. Ich hielt inne.
Mein erster Kuss.
Das Herz begann zu schlagen, gar so sehr das ich es trotz dem Rauschen des Flusses nicht nur spüren sondern auch hören konnte.


Es pochte und machte. Jeden einzelnen Schlag hörte ich. Es mussten Hundertmillionen Liter Blut durch die Herzkammern gerast sein. Ich spürte die Kraft und das Rauschen der Liebe. Mein Herz leuchtete und ich hätte gelacht, hätte ich nicht meinen Mund so fest an deinen gepresst. Ich spürte deinen Atem. Die Sekunden kamen mir vor wie Stunden und trotzdem ist jetzt nichts mehr übrig von diesem einem Moment.
Ich hätte diese Szene so lang halten sollen wie es nur ging. Ich hätte diesen Moment dehnen sollen, so lang es möglich gewesen wäre. Ich hätte nicht nur inne halten sollen, nein, viel mehr hätte ich die Zeit anhalten sollen. Stopp drücken und genießen. Viel mehr genießen als ich es damals tat. Alles spüren. Deine von der Kälte spröden Lippen, deinen Mund, dein Blick, deine Zunge, deine Wärme, deinen Atem und Geschmack. Ich hätte anhalten sollen. Ich hätte viel mehr spüren sollen. Das Gefühl wie sich in meinem Kopf der Knoten löste, wie das Gewicht auf meiner Brust verschwand und sich die angestaute Angst aus dem Staub machte, wie mein Herz zufrieden und freudig Flickflacks schlug, wie das reine Glück mir durch jede einzelne Ader floss und wie warm mein Mund war. So unbeschreiblich warm. Das hätte ich viel mehr spüren und genießen sollen. Tausend mal mehr. Millionen mal mehr. Oder zumindest hätte ich versuchen sollen, diesen Moment einzupacken, ihn mit nach Hause zunehmen nur um ihn so dort für aller Ewigkeiten zu konservieren.
Ja, das hätte ich tun sollen. Doch an so etwas dachte ich damals nicht, viel mehr war ich mir sicher, dass jetzt erst alles anfing. Das Glück, die Liebe und das Leben. Das all das mit dem ersten Kuss beginnt. Das er mir die Tür zum Leben öffnet – zur Liebe. Verdammt, ich wusste doch damals noch nicht, dass das Gegenteil der Fall ist.
Das mit dem ersten Kuss alles zu Ende ist.

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