„ein Goldschatz ohne wert
wie nudeln ohne Soße
für wärme und Freundschaft
sorgt hier nur noch die Steckdose“
muff potter
Die Stille wird nur durch einen laut vor sich hin tropfenden Wasserhahnen gestört. Der Ausguss ist durch das ständige Tropfen verrostet. Auf dem Boden nichts als leere Flaschen. Es richt nach abgestandenem Alkohol und stinkt nach Pisse. Neben dem Bett steht ein Eimer. Als er aufsteht fällt er fast über ihn. Er beginnt zu laufen. Erst jetzt bemerkt er wie schwer er sich dabei tut, ein Bein vor das andere zu setzten. Fast so schwer wie vor 51 Jahren. Damals hat ihm niemand gesagt, dass man es wieder verlernen könnte – das Laufen und das Leben an sich. Er ist eingerostet, jedoch nicht einfach über Nacht. Auch nicht in den letzten Tagen, Wochen oder gar Monaten. Einrosten ist etwas, das sich über Jahre hinweg zu etwas entwickelt, das irgendwann nicht mehr zu stoppen scheint. Und das weiß er nur zu gut.
Er ist stehen geblieben – in der Mitte des Raumes. Sein Kopf fühlt sich an wie ein Zementblock, so unerträglich schwer ist er. Er schaut sich um. An der Wand hängen vergilbte Bilder, die zeigen was einmal war und jetzt nicht mehr ist. Bilder von Ausgrabungen in fernen Ländern. Archäologie war einst sein Hobby, heute ist es nur noch eine Erinnerung an eine Zeit, in der er sich stark, ja fast schon unbesiegbar fühlte.
Eine Urkunde hängt in einem schiefen und zerkratzten Glasrahmen. Jens Dollermann. Jens Dollermann steht deutlich mit einer kursiven Schrift auf ihr. Es ist irgendeine Auszeichnung für irgendeinen belanglosen, großen Coup als Investment Banker. Neben dem Namen auf der Urkunde steht mit Bleistift leicht geschrieben: „ Jens, du bist ein Siegertyp! Deine Hellen“. Er schluckt und muss lauthals lachen. Er lacht so laut, dass sich die Frau, die er nicht kennt und trotzdem auf seinem Bett liegt, wälzen muss.
Er schaut sich weiter um. An einer Stelle an der Wand liegen Scherben auf dem Boden. Einen schmerzhaften Stich spürt er in seinem Rücken als er sich bückt. In den Scherben liegt ein Bild, dessen Antlitz mächtig ist. Auf dem Bild scheint Frühling zu sein. Die Bäume im Hintergrund blühen in bunten, wunderschönen Farben. In mitten einer glücklich wirkenden Familie steht ein Mann – Jens Dollerman! Er weiß ganz genau, dass diese viel zu glückliche Familie nicht irgendeine Familie, sondern seine ist. Seine Gesichtszüge verändern sich schlagartig: Die kleinen Augen werden rot und langsam aber zielstrebig läuft eine glänzende Träne seine bleiche und raue Wange hinunter. Erst eine, dann zwei und dann drei. Sie scheinen immer schneller zu laufen. Er lässt sich ganz auf den Boden fallen und spürt dabei wie sich eine Handvoll spitze Scherben in seinen Oberschenkel bohren. Aber er spürt den Schmerz nicht. Da ist nichts mehr. Seine Gefühle sind wie eingefroren. Er will schlafen, doch der Weg zum Bett ist viel zu weit und viel zu steinig. Er bleibt in den Scherben liegen mit der Hoffnung, dass alles von alleine besser wird. Wie immer nur Schweigen und Angst. Fürchterliche Angst. Er starrt nach oben. An der Decke hängt leblos und einsam eine verstaubte Glühbirne. Sie leuchtet so grell, dass er nur noch einen weißen, starken Schimmer sieht.
Er schließt die Augen zählt bis drei und nimmt all seinen übrig gebliebenen Mut zusammen und blickt auf nach vorne. Schaut sich das Familienfoto ein weiteres Mal an. Diesmal nicht nur für Sekunden. Fast eine halbe Ewigkeit verliert er das Foto nicht aus seinen Augen. Ohne Tränen, viel mehr mit einem Anflug von Ehrgeiz erhebt er sich vom Boden und merkt plötzlich, wie es um ihn steht und dass da noch viel mehr ist als Schweigen.
Es gibt noch etwas in ihm, etwas das brennt…. let´s pretend a happy end.
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