Dienstag, 27. Januar 2009

VII. Träume die im Sand verlaufen


Meine kleinen müden Augen waren mittlerweile schon voller Sand. Sie brannten höllisch – sie tränten. Überall war dieser verfluchte Sand. Zwischen meinen Fingernägeln und in meinen Haaren, sogar in meinem Mund spürte ich ihn oder zumindest bildete ich ihn mir dort ein. Meine ganze Haut war von oben bis unten sandig und rau. Es juckte und biss doch da war keine Zeit sich zu kratzen oder sich gar zu waschen.

Das immer lauter werdende Rauschen des Meeres nahm ich nicht mal wahr. Auch nicht meine Eltern, die gut zwanzig Meter hinten mir langsam aber sicher die Liegestühle zusammen klappten. Ich war nur auf eine bestimmte Sache fixiert – auf meine Sache. Nichts anderes drang in meine kleine Welt. Ich wollte es schaffen. Ich war konzentriert. Ich musste es einfach schaffen.

Das Meer wurde immer lauter. Es kam für einen kurzen Augenblick und ging dann wieder zurück. Es sah so aus, als würde es immer mehr Anlauf nehmen und tatsächlich, so war es auch, denn es kam näher und näher. Es war beängstigend wie das Wasser mir auf die Schulter tippte und mir klar machte, dass mir nicht mehr viel Zeit übrig blieb.

Ich gab alles und mir wurde bewusst, dass es jetzt nicht mehr um Schönheit ging. Jetzt, genau in diesem Moment ging es nur noch ums blanke Überleben und ich wollte es schaffen.

Ich kniete mit dem Rücken zum Meer. Immer wieder kam das Wasser und immer wieder wurden meine Fußspitzen nass. Der Wind pustete mir Sand aus meinem Haar doch gleichzeitig wehte er mir auch immer wieder neuen hinein. Auf meiner Stirn bildetet sich eine eklige Schicht aus Schweiß und Sand. Doch das war mir egal denn das Wasser drang mittlerweile bis zu meinen Knien vor.



Das Meer kam näher und näher und die Zeit lief mir davon. Ich buddelte immer weiter. Nur mit meinen beiden Händen, schon lange nicht mehr mit meiner kleinen gelben Plastikschaufel, die ich so sehr malträtiert hatte, dass sie oberhalb der Schaufelfläche, am Griff abgebrochen war.

Ich sah wie meine Eltern den Sonnenschirm einklappten. Doch ich nahm es nicht wahr, ich sah es nur. Meine Gedanken waren irgendwo anders. Sie waren hier. Genau hier. Ich wollte es schaffen. Fest biss ich auf meine kleinen Milchzähne. Ich war entschlossen.

Doch dann plötzlich kniete ich auf einmal vollständig im Wasser. Einen Moment später ging das Meer wieder so schnell zurück wie es kam, nur um einen Augenblick später erneut mit voller Wucht angerauscht zu kommen. Der große Damm bekam deutliche Risse und mir wurde bewusst, dass er in diesem Zustand die nächste Welle nicht überstehen würde. Also nahm ich so viel nassen Sand wie es nur ging in meine Hände und versuchte den brüchigen Damm irgendwie zu reparieren.

Doch es war vergebens. Die Welle die jetzt auf den Damm zurauschte war noch viel mächtiger als die Wellen zuvor. Der Damm brach in sich zusammen und das Wasser schoss gnadenlos und mit voller Wucht auf meine große, prächtige und liebvolle erbaute Sandburg zu.

Ich saß da und konnte nichts machen. Ich war klein. Ich war voller Sand und Matsch. Ich saß einfach nur da und musste mit ansehen wie meine große Sandburg durch die Wassermassen einstürzte. Ich war hilflos verloren - ich hab es nicht geschafft.

Die ersten Tränen kullerten meine sandigen Wangen hinunter. Sie schlängelten sich durch die groben Sandkörner hin durch und fielen schließlich in den Sand, wo sie gleichgültig für immer verschwanden. Es tat alles so unendlich weh. Mein noch kleines Herz brach damals zum ersten Mal in zwei.

Ich wusste von Anfang an, dass ich verlieren würde doch trotzdem tat ich es und lies mich auf den aussichtslosen Kampf ein. Ich war zum scheitern bestimmt und dies wusste ich, doch ich wollte es nicht einsehen – einfach nicht einsehen!

Ich war naiv, so naiv wie damals als ich versuchte, einen riesengroßes Iglu im Garten zu bauen obwohl es nur lächerliche fünf Zentimeter Schnee hatte, oder wie ich eine Woche später versuchte einen Mannshohen Schneemann zu errichten und das obwohl schon längst das große Tauwetter eingesetzt hatte. Überall war damals nur noch Wasser zusehen, alles schmelzte und tropfte doch ich versuchte es trotzdem. Ich wollte es einfach schaffen auch wenn mich meine Eltern fies auslachten, als ich in meinem viel zu großen, grünen Schneeanzug nach draußen lief. Sie lachten und ich wollte ihnen zeigen, dass es da verdammt noch mal nichts zu lachen gibt!!

Doch natürlich scheiterte ich. Da gab es schließlich auch nichts zu gewinnen. Ich konnte doch nur verliere. Nichts anderes. Aber wenigstens tat ich dies auf einem verdammt hohen Niveau. Trotzdem tat mir dieser enttäuschte Blick, den ich auf den Boden warf jedes mal weh – so unendlich weh.

Diese verdammt Einsicht und diese verfluchte Erkenntnis des Scheiterns ist so gemein. Sie beißen einem in den Arm und bleibt dort hängen. Sie setzten sich fest. Du kannst schütteln und rütteln, sie lassen nicht los. Sie bleiben einfach da. Doch du machst weiter. Du hörst irgendwann auf zu schütteln und du nimmst es einfach so hin wie es ist, schließlich bist du gescheitert.

Ich erinnere mich daran, wie ich nachmittags auf unserem alten, grau gepunkteten Sofa lag. Ich wartete auf meine Lieblingskindersendung, auf das Mittagessen oder auf meine Freunde die zum spielen vorbeikommen wollten. Dieses lästige und verfluchte Warten verbrachte ich jedes Mal damit, die Punkte auf diesem hässlich grauen Sofa zu zählen. Es waren hunderttausende. Es war einfach unmöglich sie alle zu zählen. Aber ich tat es trotzdem. Jedes Mal. Immer wieder.

Warum?

Warum machte ich das?

Warum?

Warum versucht man immer wieder etwas zu retten, was nicht zu retten ist?

Warum glaubt man, man würde das Richtige tun obwohl man weiß, dass es das Falsche ist?

Chancenlos auf den ersten Platz schielen und dabei wissen das man scheitert.

Warum tut man all diese Dinge?

Warum immer dieses ewige Spiel - Vernunft gegen Hoffnung – Träumerei gegen Realität?

Was soll dieser verfluchte Scheiß?

Was am Ende auf der Gewinnerseite und was auf der Verliererseite steht ist von Anfang an klar. Die Hoffung verliert null zu sechs gegen die Realität. Sie ist chancenlos. Sie hat nicht die Kraft zu gewinnen. Der Mut ist zwar da, der Wille auch aber das reicht nun mal meist nicht aus. Sie bemüht sich, sie rackert sich ab und doch krepiert sie am Ende erbärmlich.

Wird man jedoch die Hoffnung wahren, so wird man eines Tages ausbrechen aus dem einst immer gleichen Raster. Ja irgendwann da wird man die Spielregeln brechen, man wird die Realität besiegen, den Spieß umdrehen und die Dinge auf den Kopf stellen. Man wird nicht mehr zweifeln, man wird nur noch leben und gewinnen.

Heute wird gewonnen - bitte!

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